Im Rahmen des diesjährigen Internationalen Frauen*Theaterfestivals unter dem Motto „Performing Ecofeminism“ wünschen wir uns einen generations- und kulturübergreifenden künstlerischen Austausch. Gemeinsam mit sieben bildenden Künstlerinnen haben wir eine Ausstellung entwickelt, die sich in die Geschichte des Ortes einschreibt und die Spuren des ehemaligen Speditionsgeländes aufgreift. Mit Malerei, Fotografie, Installation, Textil- und Videokunst entsteht ein vielstimmiger Dialog über das Verhältnis von Mensch, Natur und Umwelt – verbunden mit persönlichen wie kollektiven Geschichten.
Wir fragen gemeinsam:
– Wie lässt sich die Verbindung von Ökologie und Feminismus künstlerisch sichtbar machen?
– Welche Perspektiven eröffnen sich, wenn wir unsere Beziehungen zu Natur, Körper und Raum neu denken?
– Wie können solidarische und nachhaltige Strukturen jenseits von Ausbeutung, Sexismus und Diskriminierung entstehen?
– Welchen Beitrag können Kunst, Kultur und Theater leisten, um Care-Arbeit, Resilienz und Balance in einer fragilen Welt zu stärken?
Montag, 22.09.2025, 18 Uhr
VERNISSAGE MIT FÜHRUNG
Kuratiert von Anna D‘Errico
Anna D’Errico
Baiba Prūse
Kinga Tóth
Maria Kobzeva
OpenSorceress Collective
Baiba Prūse ist eine interdisziplinäre Forscherin aus Lettland mit Schwerpunkt auf lokalen ökologischen Wissensbeständen und Citizen Science (Forschung mit Bürger*innenbeteiligung). Sie setzt sich engagiert für fachübergreifende Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte mit Künstler*innen ein. Zu ihren jüngsten Arbeiten gehört ein Buchkapitel mit dem Titel „Mensch und Ozean durch Street Art und Citizen Science verbinden“. Sie interessiert sich besonders dafür, wie sich Forschungsempfehlungen in die Praxis umsetzen lassen. Im Oktober 2024 wurde Baiba Teil des Teams vom University College Cork in Irland, wo sie sich mit der bürgerschaftlichen Beteiligung an Mission Ocean – Aktivitäten befasste. Gemeinsam mit dem COSEA-App-Team setzt sie Ocean Literacy mit der Initiative #FindWhereFound in die Praxis um.
Website/IG
#FindWhereFound profile: https://www.spotteron.com/cosea/users/104733/spots
Credits
#FindWhereFound wurde von einem Team des University College Cork entwickelt, das an den EU-Projekten BlueMissionAA und TIDAL ArtS arbeitet – in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen aus Portugal und Österreich.
Inspiriert von der ersten irischen Botanikerin Ellen Hutchins (1785–1815), zeigt dieses künstlerisch gestaltete Herbarium verschiedene Algenproben aus den Küstenregionen Irlands. Die Initiative will Neugier wecken und bietet einen praktischen Zugang zu Ocean Literacy, also zum Verständnis für das Ökosystem Meer. Der Titel #FindWhereFound verweist darauf, dass sich für jede Alge der genaue Fundort sowie Informationen zu ihrem Lebensraum über einen QR-Code auf einer digitalen Karte abrufen lassen. Diese Karte ist Teil der offenen Citizen-Science-Plattform „COSEA“ für Projekte im marinen und küstennahen Raum (www.cosea.app), die auf der Plattform Spotteron basiert (www.spotteron.net).
Maria Kobzeva wurde in Sankt Petersburg geboren und absolvierte die Vaganova Ballet Academy. Nach ihrem Abschluss im Jahr 2014 trat sie dem SPBT Theater bei und tourte weltweit mit einem breiten klassischen Repertoire. Um ihr Bewegungswissen zu erweitern, studierte sie zeitgenössischen Tanz an der HFMDK Frankfurt, wo sie mit verschiedenen Choreograf*innen zusammenarbeitete und interdisziplinäre Projekte mitgestaltete. Marias choreografische Praxis umfasst Solo-, Duo- und Gruppenstücke sowie Theaterproduktionen, Filmarbeiten und interdisziplinäre Projekte. Sie erhielt drei Publikumspreise und arbeitet derzeit als freischaffende Künstlerin im Rhein-Main-Gebiet und kollaboriert, kreiert und unterrichtet in unterschiedlichen Kontexten.
Website/IG
IG:https://www.instagram.com/mariakobzeva/
Credits
Idee: Maria Kobzeva, Juan Urbina
Produktion: Maria Kobzeva, Clive Tanner, Jorge Bascuñan
Fotos: Clive Tanner
#DyingSwan ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Natur, dem menschlichen Körper und dem menschengemachten Zustand unseres Planeten. In einer Reihe von 9 kurzen Beiträge thematisiert das Projekt ökologische Fragen wie Fast Fashion, Plastikmüll, Geisternetze, Umweltverschmutzung und Überkonsum. Tanz, visuelle Kunst und Bewegung lenken den Blick auf die Verletzlichkeit unserer Umwelt. Die Idee entstand in Zusammenarbeit mit dem Tänzer Juan Urbina und wurde gemeinsam mit dem bildenden Künstler Clive Tanner und dem Tänzer Jorge Bascuñan realisiert.
Anna D’Errico ist Performerin, veröffentlichte Autorin, Kuratorin, Expertin für sensorische Wahrnehmung und Neurowissenschaftlerin. Parallel zur Neurobiologie studierte sie Tanz und Tanztheater. Sie war Forscherin am Max-Planck-Institut für Biophysik mit Schwerpunkt Gehirnphysiologie und Geruchswahrnehmung. Heute arbeitet sie im Bereich Tanz, Theateranthropologie und physisches Theater. Seit 2017 kooperiert sie bei künstlerischen und kulturellen Projekten mit Protagon International Performing Arts und ist seit 2022 Mitglied des Ensembles antagon theaterAKTion. Zwischendurch beschäftigt sie sich mit dem Geruchssinn und interessiert sich besonders für den Einsatz von Düften und Geruchswahrnehmung im Zusammenhang mit Bewegung und Raum.
Website/IG
Anna D’Errico
Die Installation Traces untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf Insekten und Blumen. Sie verbindet Fotografie, Poesie, Butoh-Tanz und surrealistische Elemente und macht die Vergänglichkeit von Duft zum Sinnbild für die Zerbrechlichkeit von Blumen – und damit auch der Welt. Mit einem öko-feministischen Zugang wird ökologische Verletzlichkeit erfahrbar: Natürliche Düfte werden nachgebildet und mit visuellen Eindrücken kombiniert, um zur Reflexion anzuregen und das Bewusstsein für die zerstörerischen Folgen menschlichen Handelns zu schärfen.
Kinga Toth (1983, Ungarn) ist Sprachwissenschaftlerin, visuelle Klangpoetin, Illustratorin und Kulturmanagerin. Sie schreibt auf Deutsch, Ungarisch und Englisch und stellt ihre Texte in Installationen und Performances dar. Zudem ist sie Gründerin von Organisationen für Gleichberechtigung und Repräsentation von Frauen im ungarischen Literaturbetrieb und beschäftigt sich in Forschung und Kunst mit der künstlerischen Praxis von Nonnen. Für ihre intermediale und internationale Arbeit erhielt sie 2020 den Hugo Ball Förderpreis und den Bernard Heidsieck Prix. 2023 führte sie zusammen mit der Komponistin und Musikerin Silvia Rosani das Intermedia-Theaterstück Electric Jungle auf. Mit einem DAAD-Stipendium in Berlin veröffentlichte sie 2024 ein lyrisches Gesangsalbum mit Objektpoesie-Installation. Toth ist auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Literaturpreis und für den Lajos Kassak Preis. 2026 erscheint ihr neues öko-feministisches Buch MARIAMACHINA.
Im Folienbett erscheint die Natur ewig und zugleich im Wandel – unzerstörbar, vertraut und unbekannt. Alte Regeln, Gesetze und Gewohnheiten gelten nicht mehr: Sie müssen neu definiert und erlernt werden. Was wird Natur und Mensch wieder verbinden? Wie werden sich verlorene Wesen, die Hybride, nach dem ökologischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch verständigen?
Und wie treten belebte und unbelebte Welten nun in Beziehung? Inspiriert von der Kunst der Nonnen und ihren wiederbelebenden, wiederherstellenden Methoden arbeitet die Installation mit recycelten Materialien und Samen aus intimen Umfeldern. Wie Dioramen* enthalten diese „lebenden Gärten“ Überreste, die neue Räume füreinander schaffen. Objekte, Texte, Klänge, Menschen und ihr Abfall begegnen sich in diesem Müllzelt – einem gemeinsamen Folienbett, in dem Nähe möglich wird. Hier lässt sich zwischen Müll meditieren und eine Beziehung zu ihm entwickeln.
* Ein Diorama ist eine kleine dreidimensionale Szene, die eine bestimmte Umgebung oder Situation in Miniatur darstellt.
OpenSorceress ist ein anonymes Kollektiv dreier unabhängiger Künstlerinnen, die das Projekt ins Leben gerufen haben, um verbotene Wörter und zensierte Themen zu vervielfältigen/festzuhalten und zu verbreiten, um sie am Leben zu erhalten. Open Sorceress will Kreativität als Mittel gegen alles einsetzen, was dem Planeten und seinen Bewohner*innen schadet. Es möchte das Bewusstsein für die aktuelle globale Krise der Freiheit und Demokratie schärfen und setzt sich für Gleichberechtigung und nachhaltige Politik ein.
Meinungsfreiheit ist die Freiheit des Denkens und der Sprache.
Das Kollektiv OpenSorceress hat Worte gesammelt, die von der neuen US-Regierung nach und nach verboten werden – damit trotz unterdrückender und gewaltsamer Kräfte eine Spur von ihnen bleibt. Worte formen, wie wir die Welt sehen und verstehen. Sie machen das Unsichtbare sichtbar.
Es ist kein Zufall, dass viele der verbotenen Worte mit Feminismus, Geschlechtergerechtigkeit, Ökologie oder der Klimakrise verbunden sind. OpenSorceress wird sie immer wieder ab- und weiterschreiben. Im Rahmen dieses Projekts haben wir T-Shirts gestaltet und gedruckt, die diese verbotenen Worte in den öffentlichen Raum tragen. Mögen diese Worte gehört und laut ausgesprochen werden – als Lied, als Gedicht, als Erinnerung daran: Wir sind die Realität, die wir erschaffen. Und niemand kann unsere Existenz und unsere Präsenz jemals ungeschehen machen.